Menü Button Lupe
Rhön Magazin Logo
Share Button
 
 

„Keine Kuscheltiere und keine Monster“

am 22.09.2017

Bernd Mordziol-Stelzer über die Rückkehr des Wolfes und was das bedeutet

Ist Meister Isegrim zurück in der Rhön? Dieser Frage ist Schlaufuchs-Reporter Johannes Beulshausen (10) aus Hünfeld nachgegangen. Er hat sich darüber mit dem Wolfsexperten Bernd Mordziol-Stelzer (54) vom Forstamt Hofbieber unterhalten.

Wie unterscheidet man einen Wolf von einem Hund?
Einen Wolf erkennst du an der geraden Rückenlinie und den langen Beinen. Schäferhunde haben oft einen eher abfallenden Rücken. Wölfe haben ein graugelbes bis -braunes Fell, welches teilweise ins Schwarze übergeht. Typisch ist der Sattelfleck auf dem Rücken. Die Schnauze eines Wolfes, der Fang, ist länger als die eines Hundes. Sie ist hell, fast grau. Über den bernsteinfarbenen Augen hat der Wolf helle Flecken. Er hat kleine, dreieckige, stehende Ohren, die innen behaart sind. Hunde haben oft nackte Ohrmuscheln und hängende Ohren. Der buschige Schwanz des Wolfs, die Rute, hängt fast immer nach unten. Im oberen Drittel der Rute ist ein schwarzer Fleck, der Violenfleck. Die Rute endet in einer schwarzen Schwanzspitze.

Über welche Eigenschaften verfügt der Wolf noch?
Er hat eine super Nase und kann etwa 1000-mal so gut riechen wie ein Mensch. Eine Maus hört er auf 60 Meter Entfernung durch das Gras flitzen. Beute wittert er 270 Meter gegen den Wind, mit Wind sogar zwei
Kilometer weit. Seine Augen haben einen Blickwinkel von bis zu 250 Grad. Damit kann er viel mehr sehen als Menschen. Spannend ist, dass der Wolf tagsüber und nachts gleich gut gucken kann. Und: Er läuft
40 bis 50 Stundenkilometer schnell.

Was wissen Sie über die gesichteten Wölfe?
Im Alter von 12 bis 22 Monaten verlassen Wölfe das Rudel. Sie begeben sich auf Wanderschaft, um ein eigenes Territorium zu finden, in dem sie leben und eine Familie gründen wollen. Der junge Wolf, der auf der
Stadtautobahn Frankfurt überfahren wurde, war ein zwölf Monate alter Rüde, der aus der Lüneburger Heide bis zu uns gewandert ist.

Wovon ernähren sich Wölfe?
Wölfe sind keine Kuscheltiere, aber auch keine Monster. Sie sind Fleischfresser. Bei den Wölfen in Hessen handelt es sich um den Europäischen Wolf. Er ist scheu und hält sich von Menschen fern. Er ernährt sich
vorwiegend von Tieren aus dem Wald, darunter Rehe, Rothirsche und Wildschweine. In Sachsen hat man anhand von Kotproben herausgefunden, dass die dort lebenden Wölfe sich zu mehr als 99 Prozent von
Wildtieren ernähren und zu weniger als einem Prozent von Schafen und Ziegen.

Wie leben die Tiere?
In Kleinfamilien, die aus Vater, Mutter (Fähe), den jungen Wolfskindern und den Vorjahreswölfen, den Jährlingen, bestehen. Auf die Jagd gehen die Elterntiere. Sie jagen einzeln. Vor einem Rudel Wölfe musst
du keine Angst haben. Das ist hier bei uns nur ein Mythos. Eine Ausnahme bilden die Timberwölfe in
Amerika. Sie haben ihre Jagdtechnik an große Beutetiere wie etwa das Bison angepasst und jagen in größeren Rudeln.

Wie verhält man sich, wenn man auf einen Wolf trifft?
Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, liegt bei unter 0,1 Prozent. Es ist also sehr unwahrscheinlich.
Wölfe riechen Menschen aus weiter Entfernung. Möglich ist, dass sie aus Unachtsamkeit gesehen werden
oder junge Wölfe aus Neugier zum Menschen laufen. Dann darfst du auf keinen Fall weglaufen, sondern musst stehenbleiben und dich langsam zurückziehen. Sprich laut, klatsche in die Hände, mache dich
groß. Falls du einen Hund dabei hast, nimm ihn an die Leine, damit er nicht der Wolfsfährte
folgt. Wölfe darfst du nicht füttern, damit sie ihre Scheu nicht verlieren und Abstand zu uns Menschen halten. Draußen aufgestelltes Katzenfutter kann sie anlocken.

Was machen Wolfsexperten?
Wir haben die Aufgabe, die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland anhand von Spuren, gerissenen Tieren und Fotofallen nachzuweisen. Dabei passieren auch lustige Dinge. Bei der Verfolgung einer Spur wurde ich heimlich von dem Wolf beobachtet. Er muss sich versteckt und zugeschaut haben, wie ich die Spur vermessen und dokumentiert habe. Das konnte ich an Spuren ablesen.

Gibt es Wölfe in der Rhön?
Noch nicht. Wenn ein Wolf gesichtet wird, handelt es sich um einen durch die Region durchziehenden Wolf. Im Forstamt Hofbieber werden seit 2012 solche Wölfe beobachtet. 2015 war sogar für ein paar Monate
ein Wolf in der Gegend. Direkt an der hessischen Landesgrenze liegt Thüringen. Es ist als Wolfsgebiet ausgewiesen, weil eine Wölfin bei Ohrdruf heimisch geworden ist. Es kann also gut sein, dass ein Wolf durch
den Wald streift. Schließlich beträgt das Territorium für eine Wolfsfamilie von circa acht Tieren zwei- bis dreihundert Quadratkilometer.

Werden sie zurückkehren?
Das ist sehr wahrscheinlich. Die Rhön mit den offenen und langen Waldrändern bietet einen geeigneten Lebensraum für den Wolf. Eine Wiederbesiedlung auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes
in Wildflecken wäre denkbar. Dort gibt es wenig Straßenverkehr, viel Wild und genug Rückzugsmöglichkeiten für die Aufzucht der Welpen.

Was sagen die Menschen zur Rückkehr des Wolfes?
Viele sind verunsichert und das Zusammenleben mit Wölfen nicht gewohnt. Jäger und Schäfer sehen dem Trend misstrauisch entgegen. Deshalb leisten wir Aufklärungsarbeit, zum Beispiel halte ich Vorträge vor
Jägern.

Wie stehen Sie dazu?
Ich finde die Rückkehr der Wölfe gut. Sie fressen, was wir zu viel an Wild haben. Sie gehören seit Jahrtausenden zu unserem Wald und stehen in unserem Ökosystem mit uns Menschen an der Spitze der Nahrungskette. Bemerkenswert ist, dass nachdem der Wolf unter Naturschutz gestellt wurde, er von alleine seinen Lebensraum zurückerobert. Ich freue mich, wenn er eines Tages als seltenes und schützenswertes Wildtier in die Rhön zurückkehrt.

Info: Der Wolf galt in Hessen seit mehr als 150 Jahren als ausgerottet. Seit einiger Zeit häufen sich jedoch Meldungen über Wolfsspuren und Begegnungen mit den Tieren. Gerade erst berichtete unsere Zeitung von einem Wolf, der durch den Odenwald in Südhessen gestreift ist. Wer einmal Lust hat, lebende Wölfe zu sehen, dem empfehle ich einen Ausflug in den Wildpark Knüll bei Homberg (Efze), in dem ein Rudel Europäischer Wölfe lebt. Am Dienstag, 3. Oktober, findet dort zudem von 11 bis 17 Uhr ein Wolfstag mit einer Rallye statt. Außerdem gibt es Märchen und Bastelaktionen. Die Dokumentation "Familie Wolf – gefährliche Nachbarn?" wird zudem morgen um 12.35 Uhr auf dem Fernsehsender Arte ausgestrahlt.

Schlaufuchs-Termine

Keine Artikel in dieser Ansicht.